Klinikradar

Behandlung mit TCM - Ein Überblick über die Behandlungskonzepte

16.11.2021

Herr chin. Professor Wang, Jin

Chinesischer Professor, Kräuter- und Akupunkturspezialist

Herr chin. Prof. Wang von der iTCM Illertal ist ein ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der traditionellen chinesischen Medizin. Nach umfangreichem Studium der TCM und der klassischen Schulmedizin an der Hochschule für Traditionelle Chinesische Medizin Tianjin erweiterte er sein Wissen auf diesem Gebiet an vielen Krankenhäusern, unter anderem dem Bao Kang-Krankenhaus. Nach einem Aufenthalt am Zentrum für Traditionelle Chinesische Medizin Münster wirkt er nun an der iTCM Klinik Illertal. In unserem Interview erläutert er wesentliche Behandlungskonzepte der traditionellen chinesischen Medizin.

Gibt es Besonderheiten bei einer Behandlung in einer TCM-Klinik?

Herr chin. Professor Wang, Jin: In Abhängigkeit des Beschwerdebildes, der Erkrankung und des Untersuchungsbefundes kommen vorzugsweise Traditionelle Chinesische Heilkräuter, Akupunktur und Qigong zur Anwendung. Elektroakupunktur, Schädelakupunktur, Ohrakupunktur, Pflaumennadelakupunktur, Moxibustion, Infrarot-Wärmelampe, Schröpfen, Schröpfmassage und Gua Sha ergänzen das individuelle therapeutische Vorgehen.

Bei welchen Erkrankungen können Ihrer Erfahrung nach besondere Erfolge mit der Behandlung durch TCM erzielt werden?

Herr chin. Professor Wang, Jin: Die chinesische Medizin dient der Vorbeugung, Behandlung und Wiederherstellung der Gesundheit. Das Behandlungsspektrum ist breitgefächert, der Therapieerfolg hängt von der Erkrankung und dem individuellen Ansprechen auf die Therapie ab.

Verdauungssystem:
Funktionelle Beschwerden wie Aufstoßen, Sodbrennen, Magenkrämpfe, Blähungen, chronische Verstopfung, Diarrhoe im Sinne von Reizmagen bzw. Reizdarm sprechen auf eine TCM-Behandlung sehr gut an. Bedeutsam ist die Behandlung auch bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen. Bei geringer Entzündungsaktivität ist die alleinige TCM-Therapie erfolgreich, bei mittelschwerer/schwerer Aktivität ergänzt die TCM die obligate schulmedizinische Behandlung.

Atmungssystem:
Häufige grippale Infekte infolge eines schwachen Immunsystems, allergischer Schnupfen, Asthma bronchiale, akute und chronische Bronchitis, chronisch obstruktive Atemwegserkrankungen sind mit TCM ausschließlich oder in Ergänzung zur Schulmedizin (Antibiotikagabe) mit Erfolg behandelbar.


Herz-Kreislauf:
Durch Studien belegt ist die Wirksamkeit der TCM bei leichtem bis mittelschwerem Bluthochdruck, allerdings ist dabei – wie in der Schulmedizin – eine Dauer- oder Intervalltherapie nötig. Da der koronaren Herzkrankheit eine Entzündung der Herzkranzgefäße zugrunde liegt, kann in Ergänzung zur westlichen Medizin insbesondere eine Kräutertherapie mit entzündungshemmender Wirkung (Dan Shen) wirkungsvoll durchgeführt werden. Funktionelle Herzbeschwerden mit und ohne harmlose Herzrhythmusstörungen sind einer Behandlung mit TCM sehr gut zugänglich

Harnsystem:
Funktionelle Störungen wie Stress-Reizblase, Enuresisnocturna, neurogene Blasenfunktionsstörungen, chronisch-rezidivierende Entzündungen wie Pyelonephritis, Urethritis, Prostatitis sind ebenfalls erfolgreich behandelbar. Wie bei allen Erkrankungen ist vor einer Behandlung mit TCM eine sorgfältige schulmedizinische Abklärung nötig.

Nervensystem:
Von besonderer Bedeutung verbunden mit gutem Therapieerfolg ist eine Behandlung mit TCM bei Spannungs-Kopfschmerz, Migräne,
Morbus Meniere, Fazialisparese, Trigeminusneuralgie, Zahnschmerzen, Interkostalneuralgie, Ischias, posttraumatischen Schmerzen, Polyneuropathie der Beine (Taubheitsgefühle), Restless Legs (unruhige Beine). Auch Schlafstörungen und Angststörungen sprechen auf eine TCM Behandlung mit hohem Erfolg an.

Gynäkologie:
Schmerzhafte Regelblutungen, Menstruationsstörungen, Menstruationskopfschmerz, Menopausensyndrom, Erbrechen während der Schwangerschaft, vergeblicher Kinderwunsch (Funktionsstörung) sind im Behandlungsspektrum der TCM.

Haut:
Akne, Ekzem, Urtikaria, Hautjuckreiz, Trockene Haut, Neurodermitis, rezidivierende Follikulitis

Bewegungsapparat:
Studienbelegt ist der Erfolg in der Behandlung von Schmerzen im gesamten Bewegungsapparat vorzugsweise mit Akupunktur, z. B. bei Schulter-Arm-Syndrom, Frozen Shoulder, Rückenschmerzen, Lumbalgie, Knieschmerzen, Muskel- oder Faszienschmerzen, Rheuma

Psyche:
chronische Müdigkeit, Burnout und Erschöpfung, Konzentrationsschwäche können durch eine multimodale TCM-Behandlung angegangen werden. Allerdings sollte immer an eine zugrundeliegende Depression gedacht und der Patient im Zweifelsfalle einem Psychiater vorgestellt werden.

Oft wird in der Öffentlichkeit die Akupunktur als Synonym für TCM wahrgenommen. Welche weiteren Behandlungen stehen außerdem hinter der TCM und welche Bedeutung ordnen Sie diesen zu?

Herr chin. Professor Wang, Jin: Die TCM zeichnet sich durch ein breites Behandlungsinstrumentarium aus: Die chinesische Kräutermedizin ist für die meisten Krankheiten geeignet, sie ist die Hauptmethode der chinesischen Medizin. Die Moxibustion ist hauptsächlich an kälteinduzierte Hypofunktionskrankheiten angepasst. Ohrakupunktur und Schädelakupunktur verstärken und erweitern die therapeutische Wirkung der normalen Akupunktur. Qigong eignet sich bei allen psychischen und physischen Erkrankungen zur Unterstützung in der Wiederherstellung des Gleichgewichtes der neurovegetativen Steuerung des Organismus. Huo'guan, Tuina, Gua Sha eignen sich mehr für die Konditionierung von Muskeln, Sehnen und inneren Organfunktionen.

Viele der in der TCM angewandten Kräuter sind in unseren Breitengraden unbekannt. Wie erfolgt die Verarbeitung der Heilkräuter in Ihrem Haus?

Herr chin. Professor Wang, Jin: Die traditionelle chinesische Kräutermedizin hat zwei Formen: unverarbeitete Kräuter oder Kräuter als Granulate. Bei originärer Kräutermedizin werden diese nach dem Abkochen eingenommen. Granulate werden in heißem Wasser aufgelöst und warm getrunken. Von herausragender Bedeutung ist für uns die Patientensicherheit in der Behandlung mit chinesischen Kräutern/Granulaten, dies ist nachfolgend von der Eichwald-Apotheke Bad Wörishofen, zertifizierte TCM-Apotheke, dargelegt:

TCM-Granulate sicher identifizieren: Alle unsere chinesischen Granulate werden von der Firma ChinaMedica GmbH in Rottach-Weissach unter Leitung von Herrn Bachhuber bezogen und mit einem Zertifikat nach §6 und §11 der Apothekenbetriebsordnung (ApBetrO) geliefert. Um dem Anspruch auf höchste Qualität gerecht zu werden, werden alle Rohstoffe umfangreichen Laboruntersuchungen (Plantasia GmbH) unterzogen und gemäß den Vorgaben des europäischen und chinesischen Arzneibuches vertrieben.

Für eine qualitative Analytik und Identitätsbestimmung arbeiten wir mit Hilfe der MIR-Technologie (Spektroskopie im mittleren Infrarotwellenbereich). Unser FTIR-Spektrophotometer „IRAffinity-1“ der Firma Shimadzu gewährleistet uns dies. Die dazugehörige IRsolution-Software ermöglicht uns die Prüfung chinesischer TCM-Drogen und TCM-Drogengranulaten, sowie eine Prüfung auf Verunreinigungen. In Verbindung mit webbasierten Referenzbibliotheken der Firma Photection GmbH ergänzt sich alles zu einem zuverlässigen Identifikationsprüfsystem.

Auf Grundlage einer umfangreichen Identitätsfeststellung mittels HPLC, DC und weiteren Methoden erstellt der Sachverständige Mag. E. A. Stöger/ Plantasia GmbH (Universität Wien) für die zu untersuchende TCM-Droge/Granulat ein MIR-Spektrum als Referenz. Dieses Spektrum wird anschließend in eine spezielle Datenbank der Photection GmbH überführt. Photection GmbH erstellt, ergänzt und pflegt anhand des Identitätsprüfsystems „TCM-Ident“ die MIR-Spektren-Datenbank. Diese Spektren werden unserer Apotheke zum Abgleich und zur Erstellung der jeweiligen Prüfprotokolle zur Verfügung gestellt.

Nach Wareneingang in unsere Apotheke, wird die zu untersuchende Probe (Kraut oder Granulat) mittels FTIR-Spektrophotometer vermessen. Dazu werden die Probendaten erfasst und unter Standardvorgaben gemörsert und gesiebt. Nach Vermessung erhalten wir ein Prüfspektrum dieser Probe. Das erhaltene Prüfspektrum wird nun online im Identitätsprüfsystem „TCM-Ident“ mit der Referenz verglichen und ausgewertet. Abschließend erfolgt die Freigabe der Probe, die somit in unseren chinesischen Rezepturen weiterverarbeitet werden kann.

Wie läuft bei Ihnen die Kooperation mit anderen Fachdisziplinen ab?

Herr chin. Professor Wang, Jin: Da unsere Klinik seit Anbeginn sich der integrativen, ganzheitlichen Medizin verpflichtet hat, unterliegt sie der Leitung eines Internisten und Kardiologen. Im Ärzteteam befinden sich eine Ärztin für Allgemeinmedizin, eine Chirurgin und ein Psychiater. Alle zur Behandlung kommenden Patienten werden im Ärzteteam besprochen. Zur Schwerpunkt-Therapie mit TCM werden dann ergänzende diagnostische und/oder therapeutische schulmedizinische Ansätze hinzugenommen.

Weitere Informationen

Weitere Informationen zur Behandlung mit traditioneller chinesischer Medizin finden Sie auf unserem Behandlungsratgeber Traditionelle chinesische Medizin (TCM).