Klinikradar

Digitale Therapie bei psychischen Erkrankungen - Im Gespräch mit Patricia von Selfapy

16.11.2021

Patricia Dieterle

Psychologin (M.Sc.) mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie

Patricia Dieterle arbeitet als Team Lead bei Selfapy, einem digitalen Kurs für Betroffene mit Depression, Angst- und Zwangserkrankungen. Nach ihrem Psychologiestudium hat sie umfangreiche Erfahrungen in der Allgemeinpsychiatrie sowie psychosomatischen Medizin gesammelt und bildet sich gerade zur psychologischen Psychotherapeutin mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie weiter. In unserem Interview gibt sie Tipps aus Ihrer praktischen Erfahrung für die anstehenden Monate. Zudem klären wir, welchen Stellenwert digitale Therapien in der Behandlung von Depression haben.

Gerade jetzt im Winter kommt es bei vielen Menschen zur Verschlechterung von depressiven Symptomen. Was können unsere Leser:innen tun, um sich davor möglichst gut zu schützen?

Patricia Dieterle : Im Winter schützt regelmäßige Bewegung im Freien vor der Verschlechterung von depressiven Symptomen. Vor allem Ausdauersport, wie z.B. Joggen, aber auch schon ein Spaziergang von 20-30 Minuten wirken sich durch Ausschüttung verschiedener Botenstoffe positiv auf unser Wohlbefinden aus. Bei genügend Tageslichtzufuhr bildet unser Körper wertvolles Vitamin D, was ebenfalls antidepressiv wirkt.

Neben sportlicher Betätigung gibt es die Möglichkeit einer Lichttherapie mittels Tageslichtlampe. Der Körper wird dadurch angeregt mehr Serotonin, auch “Glückshormon” genannt, zu produzieren, was unsere Stimmung positiv beeinflusst.

Auch kann es sinnvoll sein sich eine feste Tagesstruktur mit täglichen Routinen zu schaffen. Dabei ist es wichtig auf den Ausgleich mit angenehmen Tätigkeiten zu achten - Verpflichtungen und angenehme Tätigkeiten sollten in einem ausgeglichenen Verhältnis zueinander sein. Eine Belohnung für erledigte Pflichten kann außerdem für mehr Motivation und Wohlbefinden sorgen.

Aber auch ganz ohne erledigte Pflichten ist es wichtig, sich in der dunklen Jahreszeit immer wieder angenehme Aktivitäten einzuplanen, die einem gut tun und für Glücksgefühle sorgen.

Die Arbeitswelt wird für viele immer hektischer, in kürzerer Zeit sollen immer mehr Anforderungen bewältigt werden. Burnout ist in den letzten Jahren deutlich angestiegen. Gibt es auch hier einfache Möglichkeiten, um diese Spirale möglichst zu verhindern?

Patricia Dieterle : Um gar nicht erst in diese Spirale zu rutschen, sollte unbedingt darauf geachtet werden Pausenzeiten einzuhalten und Überstunden zu vermeiden. Gerade in Zeiten von Corona und Home Office fällt dies vielen Arbeitnehmer*innen oft schwer. Auch kann es helfen, nicht alle Dinge allein erledigen zu wollen, frühzeitig um Hilfe zu bitten und Aufgaben zu delegieren. In den Pausen kann es sinnvoll sein, Aktivitäten einzubauen, die den Stresspegel reduzieren, z.B. Spazierengehen, Joggen oder Yoga.

Um langfristig die Stresstoleranz zu erhöhen und Stress abzubauen kann das Erlernen von Entspannungstechniken und das Durchführen von Achtsamkeitsübungen hilfreich sein.

Sollten diese präventiven Maßnahmen nicht mehr ausreichend sein, kann eine Therapie helfen. Dort kann noch einmal tiefergehend auf individuelle Stressauslöser eingegangen werden. Zudem lernen die Betroffenen weitere Techniken zur Stressbewältigung kennen und anzuwenden. Über die Identifikation von verzerrten Denkmustern kann mittels kognitiver Umstrukturierung eine Neubewertung von Stressoren bei der Bewältigung helfen.

Bei Selfapy wird die Therapie digital durchgeführt. Viele Patienten können sich nicht vorstellen, wie eine Therapiestunde digital abläuft. Können Sie hierzu einen Einblick geben?

Patricia Dieterle : Die digitalen Therapiestunden finden bei Selfapy innerhalb eines 12-wöchigen Online-Kurses statt. Zunächst haben Betroffene die Möglichkeit im Rahmen eines kostenlosen Informationsgesprächs einen Überblick über unsere Kurse, Kursinhalte und den Ablauf zu bekommen. In diesem Gespräch wird auch die Passung mit der Symptomatik der Betroffenen und mögliche Kontraindikationen besprochen.

Die 12 Wochen langen Online-Kurse sind in einzelne Lektionen aufgeteilt, welche sich jeweils mit einem Thema beschäftigen. So gibt es beispielsweise Lektionen zum Umgang mit negativen Gedanken oder Schlafproblemen. Ebenso werden Entspannungs- und Achtsamkeitstechniken, sowie Strategien zur Rückfallprävention vermittelt.

Die Inhalte sind mit Hilfe von anschaulichen Audio- und Videoclips, Texten und Übungen aufbereitet. Zusätzlich zum Online-Kurs gibt es die Möglichkeit in unserer App, ein digitales Stimmungstagebuch mit integriertem Kalender, zu führen. Hier sollen Patient*innen individuelle Verhaltensweisen tracken und dadurch Zusammenhänge zwischen Aktivität und Stimmung besser verstehen lernen.

Den Patient*innen wird jeweils wir eine*n individuelle*n Psycholog*in zugeteilt, der*die vom ersten bis zum letzten Kurstag derselbe*dieselbe bleibt. Über eine geschützte, im Programm integrierte asynchrone Nachrichtenfunktion können die Patient*innen mit ihrer*m Psycholog*in kommunizieren. Die Psycholog*innen stehen bei Fragen zum Kurs zur Verfügung und überwachen die Patient*innensicherheit.

Oftmals bestehen bei Patienten auch Zweifel, ob eine derartige Therapie wirklich wirksam ist. Was sind Ihre Erfahrungen? Gibt es hierzu auch belastbare Studien?

Patricia Dieterle : Die Online-Kurse von Selfapy wurden auf der Grundlage von etablierten Manualen der Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) entwickelt. Die KVT beinhaltet evidenzbasierte Methoden, die weltweit in vielfachen Studien hervorragende Ergebnisse in der Behandlung von psychischen Erkrankungen zeigen. Gemeinsam mit Expert*innen für klinischen Psychologie aus Wissenschaft und Praxis werden unsere Kurse kontinuierlich weiterentwickelt. Um den Symptomverlauf und -verbesserung der Patient*innen zu verfolgen, wurden validierte Fragebögen in den Kursen integriert, welche in regelmäßigen Abständen die Symptome der Patient*innen erfassen.

Im Moment führen wir fünf RCT-Studien zur Wirksamkeit unserer Kurse durch. Unter anderem arbeiten wir dabei zusammen mit der Charité Berlin, der Universität Gießen und der Universität Heidelberg.

Die Auswertung des Depressions-Kurses durch die Charité Berlin zeigte, dass unser Kurs dazu beitragen kann, depressive Symptome zu verringern. Die Ergebnisse zeigten eine signifikante Abnahme der Symptomatik um durchschnittlich 36% nach Abschluss des 12-wöchigen Kurses im Vergleich zur Kontrollgruppe.

Welche Vorteile bringen digitale Therapien bei der Behandlung von psychischen Erkrankungen?

Patricia Dieterle : Digitale Therapien können vor allem bei der Verbesserung der psychotherapeutischen Versorgung von psychischen Erkrankungen helfen. Oft müssen Patient*innen in Deutschland mehrere Monate auf einen Therapieplatz warten. Bei den digitalen Therapien gibt es quasi keine Wartezeit bis zum Beginn der Therapie, Patient*innen können sofort nach Anmeldung im Programm mit ihrem Kurs loslegen. Dadurch können gleichzeitig auch mehr Betroffene psychologische Unterstützung erhalten.

Über digitale Therapien können zudem Patient:innen erreicht werden, die sonst keinen Zugang zu Psychotherapie hätten oder sich aus Angst vor Stigmatisierung nicht trauen eine Psychotherapie zu machen. Dies können Patient*innen sein, die zum Beispiel auf dem Land wohnen und einen weiten Anfahrtsweg zur Therapie haben oder es aufgrund körperlicher Einschränkungen (z.B. körperliche Erkrankung, Alter) oder psychischer Beschwerden (z.B. Angsterkrankung) nicht schaffen in die Praxis zu kommen. Digitale Therapien finden meist anonym statt und können so die Hemmschwelle senken und der Angst vor Stigmatisierung entgegen wirken. Weiter kann über die digitale Therapie eine breitere Patient*innen-Gruppe erreicht werden. Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene fühlen sich von einer digitalen Anwendung oft mehr angesprochen.

Außerdem bieten digitale Therapien die Möglichkeit zeitlich und räumlich unabhängig an seinen psychischen Belastungen zu arbeiten. Die Patient*innen
sind hierbei sehr flexibel und können es sich selbst ganz individuell einteilen, wann, wie lang und oft sie an ihren Aufgaben arbeiten wollen. Die digitalen Angebote können ebenso auf verschiedene Art und Weise mit einer herkömmlichen Psychotherapie kombiniert werden, zum Beispiel als Ergänzung parallel zu einer laufenden Psychotherapie oder aber auch als Nachsorge-Möglichkeit im Anschluss.

Mittlerweile hat Selfapy eine breite Akzeptanz gewonnen. Welche Möglichkeit seht ihr für die Anwendung in Kliniken oder in der Rehabilitation?

Patricia Dieterle : Für die Anwendung in Kliniken oder in der Rehabilitation kann Selfapy vor allem ein Partner für neue oder kombinierte Therapieformen sein. Zum einen können unsere Online-Kurse präventiv eingesetzt werden. Zum anderen können Patient*innen aber auch parallel zu einer stationären Therapie oder Rehabilitation von den Inhalten aus den Kursen sowie der Anwendung unserer App profitieren. Mit der Möglichkeit der digitalen Weiterbetreuung nach einem Aufenthalt kann zudem die Nachsorge gewährleistet und eine Festigung des Therapieerfolgs erzielt werden.

Weitere Informationen zu der Erkrankung Depression sowie digitalen Angeboten

Auf unserem Behandlungsratgeber Depression finden Sie weitere Informationen zur Erkrankung Depression sowie eine Übersicht über digitale Tools in der Behandlung der Erkrankung.