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Depression: Neue Therapieansätze können oft helfen

14.10.2021

Depression: Neue Therapieansätze können oft helfen

Im Interview erklärt Dr. Robert Sarrazin, welche Veränderungen heute für eine Zunahme der Diagnose Depression sorgen und wie er die Auswirkungen von neuen Therapiekonzepten einschätzt. Neben tiefer Hirnstimulation geht er auch auf die neue Behandlung mit Ketamin ein.

Er zeigt außerdem, warum viele Menschen auch heute noch keine ausreichende Behandlung bekommen und geht auf wichtige Punkte ein, die jeder tun kann, um seine persönliche Belastungsgrenze zu verschieben.

Dr. med. Robert Sarrazin

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

Dr. med. Robert Sarrazin ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit über zehn Jahren Berufserfahrung. Zu seinem beruflichen Werdegang zählte eine verhaltenstherapeutische Ausbildung als Psychotherapeut sowie Führungspositionen als Oberarzt in zwei psychosomatischen Kliniken. Berufliche Stationen waren verschiedene Fachkliniken für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Berlin und Bayern. Dr. Sarrazin praktiziert in seiner eigenen Privatpraxis in München.

Gibt es die Erkrankung Depression heute öfter als früher?

Dr. med. Robert Sarrazin: Die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien zeigen überwiegend, dass vor allem die Bereitschaft depressive Symptome zu erkennen, darüber zu sprechen und diese zu behandeln zugenommen hat, sowohl bei Patienten als auch bei Behandlern.

Aber es ist durchaus bedenkenswert, dass viele wesentliche Lebensbestandteile (Beruf, Ehe soziales Netzwerk) heute unbeständiger, weniger verlässlich sind als früher. Dadurch wird der Einzelne einem höheren Dauerstress ausgesetzt, was die Entstehung einer Depression begünstigt.

Wie haben sich Ihrer Erfahrung nach die Behandlungsmöglichkeiten verändert und welche neuen Therapieansätze sind zu erwarten?

Dr. med. Robert Sarrazin: Sowohl Psychotherapie als auch Medikamente werden ständig weiterentwickelt und haben in den letzten Jahrzehnten die Behandlungsmöglichkeiten einer Depression kontinuierlich verbessert.

Die bekannten Antidepressiva können depressive Zustände bereits deutlich mildern, leider gibt es jedoch noch zu viele Patienten, die auf keines der bekannten Antidepressiva ausreichend ansprechen.

Wünschenswert wäre daher ein Antidepressivum das schnell, stark, anhaltend und zuverlässig wirkt ohne problematische Nebenwirkungen zu erzeugen.

Es gibt spannende neue Entwicklungen, die jedoch jeweils neue Probleme aufwerfen. Ketamin kann sehr schnell und sehr stark wirken, die Wirkung hält jedoch meistens nur kurz an und die Auswirkungen einer Langzeiteinnahme sind noch nicht hinreichend erforscht.

Die tiefe Hirnstimulation (THS) kann bereits beeindruckende Behandlungserfolge vorweisen, es ist jedoch schwer vorstellbar, depressiven Patienten massenhaft Elektroden ins Gehirn zu implantieren. Auch bei der tiefen Hirnstimulation liegen noch keine Langzeit-Untersuchungen vor.

Warum erhalten bislang immer noch zu wenig Menschen eine optimale Behandlung?

Dr. med. Robert Sarrazin: Das liegt hauptsächlich an den Behandlungskapazitäten unseres Gesundheitssystems. Die Nachfrage nach Psychotherapie liegt bei bereits seit vielen Jahren deutlich höher als Behandlungsplätze vorhanden sind.

Festzustellen ist außerdem, dass insbesondere Patienten mit niedrigem sozioökonomischen Status, die nicht in den Privatbereich ausweichen können, häufiger keine optimale Behandlung erhalten. Die Zahl der Kassensitze ist wiederum begrenzt und stark reguliert.

Welche Rolle spielt Thema Prävention bei der Erkrankung Depression?

Dr. med. Robert Sarrazin: Prävention ist bei Depression, wie bei allen anderen Erkrankungen auch, die beste Therapie. Rückblickend lässt sich bei den meisten Depressionen recht gut verstehen, warum sich eine Depression entwickelt hat. Die Ursachen bestehen letztlich immer in einer Mischung aus Veranlagung, belastenden Lebensumständen und dysfunktionalen Bewältigungsversuchen. Wenn es gelänge, entweder die ungünstigen Lebensumstände oder den Umgang damit rechtzeitig zu verbessern, könnte man wohl eine Menge Depressionen vorbeugend vermeiden.

Wichtig ist, die eigene Stress-Belastbarkeit realistisch einzuschätzen und anzuerkennen, dass jeder Mensch irgendwann an eine Belastungsgrenze stößt. Man kann diese Belastungsgrenze kurzzeitig aber nicht dauerhaft überschreiten.

Durch Maßnahmen wie Resilienz-Training lässt sich diese Belastungsgrenze vielleicht noch etwas verschieben, aber auch das stößt an Grenzen.

Generell gilt, dass Sport, ausgewogene Ernährung und ausreichend Schlaf wirksame antidepressive Maßnahmen sind, die man präventiv durchführen kann.

Weitere Informationen

Weitere Informationen erhalten Sie auf unserem Behandlungsratgeber Depression. Unsere Klinikliste mit offiziellen Qualitätsdaten unterstützt Sie zudem bei der Suche nach der Klinik für eine Behandlung von Depression.