Klinikradar

Im Gespräch mit Prof. Zwanzger - Experte für Angst und Depression

16.11.2021

Prof. Dr. med. Zwanzger

Chefarzt Allgemeinpsychiatrie und Psychosomatik, Ärztlicher Direktor kbo-Inn-Salzach-Klinikum Wasserburg am Inn

Klinikradar im Gespräch mit Prof. Dr. Zwanzger, Ärztlicher Direktor und Chefarzt im Bereich Allgemeinpsychiatrie und Psychosomatische Medizin am kbo-Inn-Salzach-Klinikum Wasserburg am Inn. Zudem leitet Prof. Dr. Zwanzger den Forschungsbereich Angst und Angsterkrankungen an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München und bringt sich bereits seit vielen Jahren sehr aktiv sowohl klinisch wie auch wissenschaftlich in der Verbesserung der Versorgung von Angsterkrankungen und Depression ein (wie etwa Gesellschaft für Angstforschung, Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde, Arbeitsgemeinschaft für Neuropsychopharmakologie). In unserem Gespräch geht er auf aktuelle Entwicklungen während der Corona-Pandemie sowie die Versorgungsituation von psychischen Erkrankungen ein.

Zahlreiche Menschen sind durch die Corona-Pandemie enorm belastet, durchleben Ängste, etwa auch um ihre persönliche Zukunft. Viele Menschen konnten auch über einen längeren Zeitraum Freunde und Familie nicht oder nur sehr eingeschränkt besuchen. Insbesondere für Menschen mit psychischen Erkrankungen natürlich eine besondere Herausforderung. Wie erleben Sie die Zeit in Ihrem beruflichen Umfeld? Welche Auswirkungen hat das auf die Menschen und welche Sorgen plagen die Menschen?

Prof. Dr. med. Zwanzger: Die Coronapandemie stellt für alle Menschen eine große Herausforderung dar. Auch für die Kliniken. Neben Versorgung vieler akuter Coronapatienten mit psychischen Erkrankungen spielt natürlich auch die gesundheitliche Situation der Mitarbeiter eine große Rolle. Insbesondere in der letzten Wellen und vor der Impfung blieb es nicht aus, dass sich auch viele Mitarbeiter im Rahmen ihrer Tätigkeit infizierten. Das ist dann besonders bitter. Quarantänemaßnahmen und weitere Faktoren machen die Organisation einer Klinik schwierig. So zeigen Untersuchungen, dass auch Mitarbeiter der Gesundheitsberufe durch die Pandemie belastet sind, seelisch und körperlich. Auch haben angesichts der 10 – 15mal so hohen Infektionsraten bei ungeimpften Menschen viele Mitarbeiter kein Verständnis mehr für die Zurückhaltung mancher beim Impfen.

Haben Sie hierzu besondere Ratschläge für Betroffene mit psychischen Erkrankungen?

Prof. Dr. med. Zwanzger: Wir wissen, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen in der Pandemie besonders belastet sind. Sie erkranken zwar nicht regelhaft aufgrund der pandemischen Situation, jedoch ist das Rezidivrisiko höher. Eingeschränkte Behandlungsmöglichkeiten, Quarantänemaßnahmen und Angst sich zu infizieren, führen dazu, dass Behandlungsangebote nicht mehr oder nicht mehr so regelmäßig wahrgenommen werden. Ebenso wissen wir, dass die erheblichen Beeinträchtigungen des psychosozialen Umfeldes dazu führen, dass akute Erkrankungen in ihrem Heilungsverlauf behindert werden. Es fängt schon damit an, dass im stationären Rahmen Belastungserprobungen nicht mehr so einfach möglich sind, vielfach kein Besuch mehr in den Klinken empfangen werden kann, ambulante psychosoziale Angebote reduziert sind usw. Durch die Impfung ist vieles besser geworden, da hier durch ein erneuter Lockdown – hoffentlich – verzichtbar sein wird.

Was hilft in Ihren Augen besonders, gelassener und zuversichtlicher mit diesen und anderen Herausforderungen umzugehen?

Prof. Dr. med. Zwanzger: Eines der wichtigsten Dinge ist, Gefühle anzunehmen. Angst, Ärger und Traurigkeit sind in diesen Zeiten nichts ungewöhnliches. Man sollte Nachsicht mit sich selbst üben. Darüber hinaus sind Routinen wichtig. Sie geben Sicherheit. Es ist daher entscheidend eine Tagesstruktur aufrecht zu erhalten, auch wenn man im Homeoffice oder in der Quarantäne ist. Vielleicht gerade dann. Regelmäßiges Essen und körperliche Bewegung gehören hier dazu. Auch angenehme Aktivitäten sollten geplant werden. Ebenso wichtig ist die Pflege von Kontakten. Auch wenn die Möglichkeiten eingeschränkt sind, beispielsweise gerade in der Quarantäne, gibt es heutzutage mehr als früher Möglichkeiten der elektronischen Kommunikation. Diese sollte man nutzen. Im Übrigen gibt es auch andere Gesprächsthemen als Corona. Eine der wichtigsten Ratschläge ist sicherlich Nachrichten und Informationen aus dem Internet ausreichend kritisch zu konsumieren. Die Informationsflut ist derzeit überwältigend und es gibt auch viele unseriöse Quellen. Informieren Sie sich aus glaubwürdigen Quellen wie dem Gesundheitsministerium, dem Robert-Koch-Institut etc. Auch genügt es, täglich ein- bis zweimal Nachrichten einzuholen. Wir wissen mittlerweile aus Studien, dass der häufige, diesbezügliche Medienkonsum der Seele nicht guttut.

Bei jeder psychischen Erkrankung, sei es eine Depression oder eine Angststörung, ist es sinnvoll, dass Patienten die in der Klinik erlernten Techniken auch im Alltag umsetzen können. Wie begleiten Sie in Ihrer Klinik entlassene Patienten nach dem stationären Aufenthalt im ambulanten Umfeld?

Prof. Dr. med. Zwanzger: Das ist mittlerweile wieder etwas besser geworden, es gibt zahlreiche ambulante Angebote. Sowohl über die Ambulanz als auch über die niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten. Auch psychosoziale Dienst haben ihre Arbeit wieder regelhaft aufgenommen. Insofern ist mittlerweile wieder ein angemessenes Transitionsmanagement möglich.

In den letzten Jahren sind psychische Erkrankungen zunehmend in den Fokus der Gesellschaft gerückt und es ist klar geworden, dass es hier noch einen großen Nachholbedarf in der Versorgung gibt. Welche Veränderungen wünschen Sie sich als ausgewiesener Experte auf diesem Gebiet besonders?

Prof. Dr. med. Zwanzger: Sie sagen zurecht, dass psychische Erkrankungen mittlerweile mehr im Fokus der Gesellschaft sind. Und trotzdem: obwohl die Leute heutzutage besser Bescheid wissen und nahezu schon jeder einmal etwas von einer Depression und Angsterkrankung gehört hat – Vorbehalte und Stigmatisierung sind nach wie vor enorm. Nach wie vor haben Patienten Angst, dass ihre Nachbarn erfahren könnten, dass sie in stationär-psychiatrischer Behandlung sind. Nach wie vor treten Menschen der psychopharmakologischen oder auch der psychotherapeutischen Behandlung mit ausgesprochenen Vorbehalten gegenüber. Insofern gibt es also noch viel Nachholbedarf. Hinsichtlich der Versorgungsfragen gäbe es vieles anzuführen. So muss die ambulante Versorgung verbessert werden, und zwar nicht nur in dem Sinn, dass es mehr Psychotherapeuten gibt, sondern vor allem, dass Psychotherapeuten auch im Notfall da sind. Jeder Hausarzt muss für seine Patienten Notfalltermine einrichten, warum geht das nicht in der psychotherapeutischen Praxis? Es kann nicht angehen, dass Patienten monatelang auf einen Psychotherapieplatz warten müssen, nur weil man nicht bereit ist, jemanden für ein bis zwei Stunden Akutintervention dazwischenzuschieben. Hier muss sich etwas ändern. Ebenso muss ein Umdenken im Hinblick auf Innovationen in der Psychopharmakotherapie erfolgen. Die gesetzlichen Vorgaben und Reglementierungen in Deutschland haben sich in den letzten Jahren so verändert, dass Neuzulassungen nahezu nicht mehr stattfinden können. Diese Entwicklung ist gefährlich, da sie sämtliche Innovationsbemühungen abwürgt. Dies ist aber Aufgabe der Politik. Zudem müssen wir die enormen Möglichkeiten, die die Digitalisierung bietet, richtig nutzen. Zahlreiche Pilotprojekte zeigen, dass digitale Therapieansätze eine sinnvolle Ergänzung im therapeutischen Portfolio darstellen können. Allerdings muss unser Anspruch sein, dass alle neuen Therapien evidenzbasiert sind. Viele sind das heute nicht. Irgendwelche Apps, völlig ungeprüft von den Krankenkassen finanzieren zu lassen, das wäre meiner Ansicht nach, eine fatale Entwicklung.

Bei einer Angsterkrankung fragen sich viele Patienten, ob sie eine Therapie bei einem niedergelassenen Therapeuten durchführen sollen oder sich stationär in ein Klinik begeben sollen. Wann ist aus Ihrer Sicht ein Klinikaufenthalt sinnvoll und welche Vorteile bietet dieser?

Prof. Dr. med. Zwanzger: Grundsätzlich können viele Angsterkrankungen hervorragend ambulant behandelt werden. Es gibt ausreichend sehr gut ausgebildete Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie sowie zahlreiche ärztliche und nichtärztliche Psychotherapeuten. Auch viele Hausärzte kennen sich mittlerweile sehr gut mit solchen Störungen aus. Allerdings sehen wir in etwas 10 – 20 % der Fälle, dass Angsterkrankungen nicht oder nur unzureichend auf die Therapie ansprechen. Auch komorbide Erkrankungen wie Depressionen oder die Entwicklung einer Suchterkrankung können den Verlauf verkomplizieren. Spätestens dann muss ein Facharzt entscheiden, ob nicht doch eine stationäre Therapie indiziert ist. Viele Kliniken bieten hier exzellente Programme an, die sich an den gängigen Leitlinien orientieren. Schwere Angsterkrankungen sollten in den Kliniken behandelt werden, die sowohl auf dem Gebiet der kognitiven Verhaltenstherapie als auch psychopharmakologisch ausreichend ausgewiesen sind. Vorteil eines stationären Aufenthalts ist sicherlich die Möglichkeit, intensiver behandeln zu können.