Klinikradar

Digitalisierung: Auswirkungen auf das Betriebliche Gesundheitsmanagement in Unternehmen?

27.09.2022

Betriebliches Gesundheitsmanagement bedeutet viel mehr als nur ein Obstkorb oder eine kostenfreie Massage im Monat. Unternehmen und insbesondere Führungskräfte stehen heute in der Verantwortung und können einen wertvollen Beitrag zur Gesundheitsprävention und der Reduzierung von psychischen Problemen im Unternehmen leisten.

Im Interview mit Prof. Dr. Volker Nürnberg sprechen wir über die fortschreitende Digitalisierung sowie New Work und ihre Auswirkungen auf das Betriebliche Gesundheitsmanagement. Prof. Dr. Nürnberg ist BGM-Experte und lehrt Gesundheitsmanagement an mehreren Hochschulen in Deutschland.

Prof. Dr. Volker Nürnberg

Professur für Gesundheitsmanagement

Prof. Dr. V. Nürnberg zählt zu den gefragtesten Referenten für Gesundheitsthemen in Deutschland. Er beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit verschiedenen Themen der Gesundheitsökonomie. In seiner Tätigkeit setzte er mehrere betriebliche Konzepte bei gesetzlichen Krankenkassen um. Er lehrt Gesundheitsmanagement an der Hochschule Allensbach. Seine Forschungsschwerpunkte sind Telemedizin, Gesundheit und Internet, ärztliche Zweitmeinung sowie betriebliche Gesundheitspolitik.

Herr Prof. Nürnberg, die Covid-19 Pandemie hat die Arbeitswelt auf den Kopf gestellt. Die letzten zwei Jahre sind nicht spurlos an unserer Bevölkerung vorbeigezogen. Psychische Leiden haben zugenommen und der Druck aufgrund von privater und beruflicher Doppelbelastung ist gestiegen. Viele Arbeitnehmer fühlen sich erschöpft oder sind ausgebrannt. Was hat sich Ihrer Ansicht nach im Betrieblichen Gesundheitsmanagement in den letzten Monaten und Jahren verändert?

Prof. Dr. Volker Nürnberg: Das interessante ist, dass in der Pandemie wie in jeder anderen Krise der Krankenstand nach unten gegangen ist. Gleichzeitig haben sich jedoch die psychischen Erkrankungen deutlich nach oben entwickelt. Das liegt an den vielen neuen Belastungen durch die Pandemie, Kurzarbeit sowie auch der schnellen Digitalisierung, mit der manche Menschen nicht mithalten können.

Insgesamt haben die beruflichen Belastungen zugenommen, da in immer schnellerer Zeit immer mehr abgearbeitet werden muss. Für manche Berufe gilt das besonders, wie beispielweise in der Pflege. Ich selbst habe 6 Jahre lang in der Pflege gearbeitet. Aktuell herrschen hier hohe psychische und physische Belastungen durch Covid, Personalmangel und immer ältere, multimorbide Patienten.

Was wird in Zukunft wichtig für Unternehmen sein? Was würden Sie beispielsweise Kleinunternehmen oder Startups empfehlen, die gerade beginnen, sich mit dem Thema BGM auseinander zu setzen?

Prof. Dr. Volker Nürnberg: Die Corona-Pandemie wird nicht die letzte Pandemie gewesen sein. Durch Migration, Kriege und Globalisierung werden sich andere Pandemien immer schneller verbreiten können. Hierauf müssen sich Firmen vorbereiten. KMUs müssen sich externe Hilfe holen, zum Beispiel bei Krankenkassen oder Dienstleistern. Es könnte zudem hilfreich sein, wenn sich z.B. mehrere Unternehmen zusammentun, um einen Gesundheitsförderer einzustellen.

Welche Trends zeichnen sich ab und wo geht die Reise Ihrer Meinung nach im Betrieblichen Gesundheitsmanagement hin?

Prof. Dr. Volker Nürnberg: In der Zukunft werden die körperlichen Erkrankungen weiter abnehmen und die mentalen Beschwerden immer stärker zunehmen. Bald werden die F-Krankheiten (Psyche) die größte Krankheitsart in Deutschland sein.

Das ganze Thema BGM wird somit auch immer wichtiger für Unternehmen und ihre Arbeitgeberattraktivität auf dem Arbeitgebermarkt. Potentielle Mitarbeiter werden in Zukunft verstärkt darauf achten, was die Firma für Ihre Gesundheit tut.

Was ist Mitarbeitern heute besonders wichtig? Auf welche BGM-Schwerpunkte wird großen Wert gelegt und was sollten Unternehmen heutzutage unbedingt leisten?

Prof. Dr. Volker Nürnberg: Für eine bestimmte Zielgruppe sind sportliche Aktivitäten wichtig. Denen sollten Betriebssport, eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio oder digitale Angebote gemacht werden. Die Mehrheit der Angestellten ist jedoch eher unsportlich. Ihnen muss man niedrigschwellige Angebote aus den Handlungsfeldern des § 20a und 20b SGB V machen (Präventionskursangebot). Hierzu zählen Kurse zu Bewegung, Ernährung, Stress und Sucht.

Dazu kommen neue Handlungsfelder für beispielsweise die Internet- und Spielsucht. Für alle Angebote gilt, dass die Grenzen zwischen Privat- und Berufsleben immer mehr verschwimmen und die Angebote zur Gesundheitsförderung hier Rechnung tragen müssen. D.h. sie müssen in beide Settings gut integrierbar sein.

Der Faktor Mensch ist stärker in den Mittelpunkt gerückt. Welche Bedeutung hat New Work im BGM?

Prof. Dr. Volker Nürnberg: Bei uns in Deutschland findet ein demographischer Wandel statt. Wir kriegen seit Jahren die wenigsten Kinder der Welt, was wiederum zu einem dramatischen Fachkräftemangel sowie zu einem "war for talents" führt. Die Pandemie hat aber insgesamt das ganze Thema New Work beschleunigt. D.h. Hierarchien werden immer flacher, monotone Arbeiten können in Zukunft von einer Maschine erledigt werden.

Es entstehen zudem neuen Arbeitsplätze an der Schnittstelle von Mensch und Maschine. Ort und Zeit der Leistungserbringung von Arbeitnehmern werden immer flexibler. Auch die Erwerbsbiographien werden immer disruptiver. D.h. Menschen werden Lücken in ihrer Vita haben, die heute noch verpönt sind. Sie werden in Zukunft jedoch beispielsweise mit einem Startup scheitern, was irgendwann einmal als Auszeichnung gelten könnte.

Führungskräfte sind durch remote-Arbeit besonders gefordert. Welche Bedeutung kommt ihnen im New Work zu?

Prof. Dr. Volker Nürnberg: Führungskräften kommt im New Work eine zentrale Bedeutung zu. Sie müssen die Teams und deren Kreativität zusammenhalten und fördern. Dazu bedarf es einer intensiveren Kommunikation über mehr Kanäle als früher. Durch die Flexibilisierung der Arbeitszeit der einzelnen Mitarbeiter kommt es zu einer totalen Entgrenzung von Arbeit und Beruf.

Doch wie können sie sich selbst schützen, um nicht auszubrennen? Was kann BGM für sie leisten?

Prof. Dr. Volker Nürnberg: Hier gilt es, wieder Grenzen zu setzen, Freiräume zu schaffen. Das Handy auch mal auszuschalten, wenn man konzeptionell arbeitet. Emails nicht immer aufploppen zu lassen, sondern diese "en Block" lesen. Die ständige Erreichbarkeit durch digitale Geräte muss reglementiert werden. Im Homeoffice arbeiten Menschen deutlich mehr. Deshalb brauchen die Führungskräfte einen "Homeofficeführerschein", bei dem sie lernen, sich selbst zu managen und Mitarbeiter zu führen, die nicht vor Ort sind.

Dieses hybride Arbeiten stellt für alle Beteiligten eine große Herausforderung dar. Und zu guter Letzt gilt der Hinweis auf das Arbeitszeitgesetzt, das 11 Stunden Ruhezeit vorsieht.

Gesundheits-Check-Ups sind für die Früherkennung und Prävention von Krankheiten besonders wichtig. Wie sollte der Arbeitgeber Ihrer Meinung nach Vorsorgeuntersuchungen im Rahmen von BGM gestalten?

Prof. Dr. Volker Nürnberg: Die gesetzliche Krankenversicherung bietet die wichtigsten Check-Ups als Regelversorgung an. Jedoch werden diese insbesondere von Männern kaum genutzt. Branchenspezifisch sind jedoch ergänzende Untersuchungen notwendig. Neben den klassischen Untersuchungen des Arbeitsschutzes bieten sich hier verschiedene Felder an. Bei der Hautkrebsvorsorge ist beim niedergelassenen Arzt beispielsweise mit besonders langen Wartezeiten zu rechnen.

Diese können Unternehmen als Dienstleistung für ihre Mitarbeiter anbieten. Inzwischen gibt es hier auch digitale Lösungen. Weitere Screenings sind für den Herz-Kreislauf-Apparat möglich, Venenuntersuchungen sind z.B. bei Verkäuferinnen sinnvoll. Führungskräfte erhalten oftmals einen ganzheitlichen High-Tech-Check-up über 1-2 Tage. Die Medizin der Zukunft wird nicht mehr kurativ, sondern präventiv und persönlich sein.

Was halten Sie von digitalen Anwendungen und Apps auf Rezept im Rahmen von BGM zur Verbesserung oder Aufrechterhaltung des Gesundheitszustandes?

Prof. Dr. Volker Nürnberg: Im App-Store sind global über 500.000 Gesundheitsapps zu finden. Die allermeisten von ihnen haben jedoch keine medizinisch-wissenschaftliche Evidenz. Deshalb war es sinnvoll, dass der Gesetzgeber Standards für digitale Angebote nach §20 SGB V geschaffen hat.

Dazu kommen die sogenannten Digas. Mit ihnen ist bewiesen, dass eine digitale Behandlung, z.B. psychischer Erkrankungen, einer Face-to-Face Behandlung mindestens gleichwertig ist. Durch Anonymität und Niedrigschwelligkeit erreicht man außerdem wiederum neue Zielgruppen. Ich halte die Digas für ein sehr gutes komplementäres Angebot zur herkömmlichen stationären und ambulanten Versorgung. Inzwischen gibt es ca. 50 Digas zu unterschiedlichsten Krankheitsbildern.

Lifestyle-Erkrankungen gibt es mittlerweile viele, z. B. Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck sowie Alkohol- und Drogenkonsum. Aufklärung ist besonders wichtig. Wie kann BGM hier Unterstützung leisten?

Prof. Dr. Volker Nürnberg: Rund 80% unserer gesundheitlichen Probleme sind auf unseren Lebensstil zurückzuführen. Wir bewegen uns selten die erforderlichen 10.000 Schritte + und ernähren uns falsch oder essen schlichtweg zu viel. Dazu kommen weitere Parameter wie Stress, Rauchen oder Alkohol. Aufklärung ist wichtig, muss aber mit weiteren Ansätzen kombiniert werden.

Insbesondere in der Sensibilisierungsphase müssen Arbeitnehmer an bestimmte Themen herangeführt werden. Danach kommt es aber auf eine nachhaltige Verhaltensveränderung an. Hier sind die Instrumente der Zukunft Gamification, Nudging und Incentivierung.

Wie sieht das BGM der Zukunft aus? Liegt der Fokus mittel- bis langfristig auf digitalen und virtuellen Maßnahmen oder müssen ganz neue Lösungen her?

Prof. Dr. Volker Nürnberg: Ich bin nicht der Meinung, dass man alles Digitalisieren sollte, was man digitalisieren kann. Die reale Mensch-zu-Mensch-Begegnung kann digital nicht ersetzt werden. Aber hybride Ansätze sind sicher die Zukunft.

Das sinnvolle Kombinieren von analogen und digitalen Maßnahmen wird die Zukunft sein. Für die jungen Generationen (Generation Y und Z) müssen sicher noch ganz neue Ansätze gefunden werden. Das wird sich dynamisch und exponentiell entwickeln. Wichtig ist die Evidenzbasierung.

Um BGM nachhaltig im Unternehmen zu etablieren, bedarf es einer guten Zusammenarbeit von Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Wie können Arbeitgeber ihre Mitarbeiter beispielsweise motivieren, sich gut um ihre Gesundheit zu kümmern und welche Rolle spielt dabei die Unternehmenskultur generell?

Prof. Dr. Volker Nürnberg: Die Unternehmenskultur, geprägt durch die Führungskräfte, ist das Wichtigste überhaupt. Menschen kommen zu einer Firma wegen ihres Rufs, bleiben wegen einer interessanten Aufgabe und verlassen sie meist wegen einer Führungskraft. Es darf nicht länger ein Tabu in Deutschland sein, dass sich Führungskräfte auch professionelle Unterstützung holen sollten.

Es gibt kausale Zusammenhänge zwischen Führung und Krankenstand sowie der Arbeitsleistung. Die Interessensvertretung der Arbeitnehmer, also Betriebsrat, Personalrat, Schwerbehindertenvertretung, sollten man frühzeitig und kontinuierlich mit einbinden.
Die Arbeit der Zukunft wird bestimmt sein von Vertrauen, flachen Hierarchien und anspruchsvoller Arbeit.

Und zuletzt: Was verstehen Sie persönlich unter “smartem BGM”?

Prof. Dr. Volker Nürnberg: Smartes BGM hat viele Dimensionen. Es kann vom Wortstamm her durch das Smartphone unterstützt werden. Ich selbst nutze zusätzlich die Apple-Watch, um gewisse Parameter zu messen. Smart heißt für mich auch intelligent.

Es gibt kein BGM mehr von der Stange mit der Gießkanne, sondern BGM ist immer bedarfsgerecht und individuell. Hier werden in Zukunft auch KI und Big Data zum Einsatz kommen. Smart heißt für mich persönlich auch, dass BGM in Zukunft wieder Spaß machen soll.